Warum wir uns mit unserem Körper beschäftigen, um irgendwann über ihn hinauszugehen.
Es klingt zunächst paradox.
Wir verbringen im Yoga ziemlich viel Zeit damit, uns mit unserem Körper zu beschäftigen. Wir bewegen, dehnen, kräftigen, balancieren. Wir spüren in Muskeln hinein, von deren Existenz wir vorher vielleicht gar nichts wussten.
Und wozu das Ganze?
Damit uns unser Körper irgendwann weniger im Weg steht.
Nicht, weil er unwichtig wird. Sondern weil sich unsere Beziehung zu ihm verändert.
Denn häufig ist es gar nicht der Körper selbst, der uns begrenzt. Es sind unsere Vorstellungen und Gedankenkreise, die unseren Körper an allem möglichen festhalten lassen, wo es im Grunde gar nichts festzuhalten gibt.
Auf der Yogamatte begegnen wir deshalb nicht nur unserem Körper. Wir begegnen vielmehr unseren Gedanken, und lernen sie über den Körper neu kennen.
Hier wird eine jahrtausendealte Yogaphilosophie plötzlich erstaunlich aktuell.
Die Niyamas, fünf Prinzipien des achtgliedrigen Yogawegs, beschäftigen sich damit, wie wir uns selbst begegnen.
Saucha lädt uns zu mehr Klarheit ein. Santosha erinnert daran, mit dem gegenwärtigen Moment Frieden zu schließen, statt ständig etwas anderes von ihm zu verlangen.
Tapas steht für die Bereitschaft, dranzubleiben und sich einer Herausforderung zu stellen. Svadhyaya für die Neugier, sich selbst dabei zu beobachten. Und Ishvara Pranidhana erinnert uns daran, dass wir nicht alles kontrollieren müssen.
Fünf Prinzipien. Und plötzlich geht es um sehr viel mehr als eine Yogahaltung.
Ich finde besonders interessant, dass sich all das nicht nur verstehen, sondern unmittelbar erfahren lässt.
In einer Vorbeuge. In einem herausfordernden Gleichgewicht. Oder in dem Moment, in dem wir beschließen, eine Haltung früher zu verlassen als geplant.
Der Körper gibt uns dabei ständig Rückmeldung. Die Frage ist nur, ob wir zuhören.
Und vielleicht geschieht dann etwas Bemerkenswertes:
Wir müssen nicht mehr jede Empfindung bewerten. Nicht jede Grenze überwinden. Nicht jede Haltung perfektionieren.
Wir beginnen, mit unserem Körper zu arbeiten, statt gegen ihn.
Das bedeutet nicht, dass Beschwerden oder körperliche Grenzen einfach verschwinden. Aber unsere Aufmerksamkeit ist nicht mehr ausschließlich damit beschäftigt, etwas erreichen, verändern oder beweisen zu müssen.
Es entsteht Raum.
Für Wahrnehmung. Für Neugier. Für die Frage, was gerade wirklich angemessen ist.
Und genau hier beginnt für mich das eigentlich Spannende am Yoga.
Der Körper ist nicht das Ziel. Er ist der Anfang.
Vielleicht magst Du Dir bei Deiner nächsten Yogapraxis eine einzige Frage stellen:
Was erfahre ich heute über mich selbst, wenn ich aufhöre, etwas erreichen zu wollen?
Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag!
Von Herzen,
Ingrid